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Muss ich für die Medien eine Rolle spielen oder darf ich ich sein?

Das Rennen um den CDU-Parteivorsitz ist eröffnet. Derzeit touren die Kandidaten – Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn – durch die Lande und versuchen, die CDU-Mitglieder von sich zu überzeugen. Der Rede-Trainer und Manager-Coach Dr. Stefan Wachtel rät ihnen aktuell: „Ein guter Redner ist nicht authentisch, sondern spielt eine Rolle.“ Hier muss ich als Medientrainer klar widersprechen. Um es gleich vorweg zu sagen: Ein guter Redner wirkt authentisch in seiner Rolle. Dr. Wachtels Mantra „Sei nicht authentisch!“ – so auch der Titel seines 2014 erschienen Buches, wirkt da eher wie eine verkaufsfördernde steile These. Seiner Meinung nach reiche es eben nicht, einfach nur „ich selbst“ zu sein. Man sollte auch im „richtigen Film spielen“ und „seine Rolle beherrschen“. Und da will ich ihm gar nicht widersprechen. Aber wenn diese Rolle nicht authentisch wirkt, sozusagen „wie ich selbst“, wird mir mein Publikum diese Rolle auch nicht abnehmen. Das heißt: Authentizität und Rolle schließen sich nicht aus. Mehr noch: Nur wenn sie zusammenkommen, werden Sie in ihren Auftritten eine starke Wirkung erzielen.

Authentizität ist kein Wert an sich. Klaus Kinski war auch authentisch. Seine Wirkung auf seine Mitmenschen allerdings mehr als zweifelhaft. Authentizität beschreibt lediglich, ob meine Mitmenschen mein Verhalten, das sich in verbalen, para-verbalen und non-verbalen Signalen ausdrückt, als echt wahrnehmen. Es mir abnehmen. Dabei können manche Menschen verschiedene Rollen mehr oder weniger authentisch einnehmen (Schauspieler) und andere können „einfach nicht aus sich heraus“. Was uns aber nicht bewusst ist: Wir spielen fast täglich unterschiedliche Rollen. Machen Sie den Test: Erzählen Sie ihrer Oma von der vergangenen Party-Nacht oder ihrem besten Freund. Die Erzählungen werden sicherlich unterschiedlich sein. Sie passen ganz automatisch ihre Geschichte der Zielgruppe an – und wirken dabei völlig authentisch.

Nichts anderes trainieren wir im Medientraining. Und weil Sie immer auch mit ihrer Person wirken, macht es überhaupt keinen Sinn, „ihre Person“ von „ihrer Rolle“ zu trennen, wie es Dr. Wachtel vorschlägt. Im Gegenteil: Die Kunst liegt ja gerade darin, mit ihrer Person die Rolle authentisch – also glaubwürdig und überzeugend – auszufüllen. In einem Punkt sind uns Dr. Wachtel und ich allerdings einig: Wir können es trainieren, diese Rolle überzeugend zu spielen. Und natürlich sollten wir in einer Pressekonferenz nicht einfach sagen, was uns in den Sinn kommt. Aber wenn wir uns verstellen und uns in unserer Rolle nicht wohlfühlen, können wir auch nicht überzeugen. Wir trainieren also, um in unserer Rolle als Pressesprecher, Geschäftsführer, Marketingleiter und Krisensprecher authentisch zu wirken.

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Wie wirke ich authentisch, wenn ich nicht ich selbst sein darf?


1. Der Wunsch nach Authentizität

Wir lieben Authentizität. In einer Welt, in der wir jeden Tag mit Bildern und Videos bombardiert werden, die durchgestylt, inszeniert, nachbearbeitet, aufgehübscht und glattpoliert worden sind, ist es geradezu erholsam etwas zu sehen, was den Menschen oder die Wirklichkeit zeigt wie sie ist. Sei es die Bundeskanzlerin, die angesichts des weinenden Mädchens Reem spontan reagiert und versucht, das Mädchen zu trösten. Oder der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, der angesichts eines Zwischenrufes im Landesparlament von NRW zur Höchstform aufläuft. Oder eben auch Per Mertesacker, der angesichts der Fragen eines ZDF-Journalisten spürbar genervt antwortet. Diese Videos geben uns das Gefühl, die echte Bundeskanzlerin zu sehen, die nicht adäquat auf ein weinendes Kind reagieren kann. Den echten Christian Lindner zu sehen, der angesichts eines persönlichen Angriffes genauso persönlich zurückschlägt. Und eben den echten Sportler, der nach einem aufreibenden Fußballspiel um die Weltmeisterschaft auch nervlich angekratzt ist und keine Lust auf Standardformulieren („…Gegner hat es uns nicht leicht gemacht…mussten lange kämpfen…am Ende verdient gewonnen…“) mehr hat. Diese Ausschnitte geben uns das Gefühl, einen Blick hinter die Kulissen geworfen und die echten Menschen gesehen zu haben. Angela Merkel als Person, nicht Angela Merkel in der Rolle der Bundeskanzlerin. Diese Authentizität ist ein entscheidender Faktor bei der Wirkung auf Menschen. Nur durch sie können wir überzeugend wirken. Was aber ist eigentlich Authentizität, wie entsteht sie und warum hat sie so eine starke Wirkung auf uns?

2. Was ist Authentizität und wie entsteht sie?

Menschen wirken authentisch auf uns, wenn wir ihr Auftreten als echt empfinden. Dies ist meistens dann der Fall, wenn jemand so handelt, wie es aus seiner Person selbst begründet ist. Äußere Einflüsse wie Gruppenzwang oder Maulkorb wirken dagegen – wenn sichtbar – gegenteilig. Dabei haben wir ein sehr feines Gespür dafür, ob jemand echt agiert oder nicht. Kleinste Veränderungen in der Mimik und Gestik (Mikrogesten) werden direkt von unserem Unterbewusstsein wahrgenommen und geben uns Rückmeldung, ob diese Person es so meint wie sie es sagt. Die Sozialpsychologen Michael Kernis und Brian Goldman bewerten die Authentizität nach vier Kriterien: Erstens muss ein Mensch ein Bewusstsein über seine Stärken und Schwächen sowie seine Gefühle und Motivationen haben. Erst mit dieser Selbstreflexion kann er sein Handeln bewusst erleben und akzeptieren. Zweitens sollte er ehrlich seiner Umwelt gegenübertreten und auch unangenehmes Feedback akzeptieren. Drittens lebt ein authentischer Mensch konsequent nach seinen Werten und ist kein Opportunist. Und viertens beinhaltet Authentizität die Bereitschaft, seine negativen Seiten nicht zu verleugnen und somit aufrichtig zu sein. Kommen alle diese vier Kriterien in einer Person zusammen, erleben wir sie als echt. Sie vermittelt uns ein Bild, welches als real, unverfälscht und glaubhaft wahrgenommen wird. Dann hören wir zu, was diese Person zu sagen hat. Unsere Haltung gegenüber ihr ist aufmerksam und offen. Das Gegenteil passiert, wenn wir eine Person als unecht einschätzen: Wir gehen in eine ablehnende Haltung und werden misstrauisch. Für eine wirkungsvolle Kommunikation ist es also sehr wichtig, als authentisch wahrgenommen zu werden.

Der dritte Teil zur Frage „Kann man Authentizität lernen?“ folgt in Kürze.