Flughafen Ber - Wenn Kommunikation keine Chance hat

Flughafen BER – Wenn Kommunikation keine Chance hat

Zunächst war da ein Plan. Steigende Passagierzahlen, zwei Flughäfen, die zu eng und nicht ausbaufähig sind, eine Hauptstadt, die wächst und deren internationale Relevanz stärker wird. Ergo: Berlin braucht einen neuen, größeren, besseren Flughafen, damit die Welt das Berliner Machtzentrum auch als solches wahrnehmen – und vor allem: besser und schneller erreichen – kann. Gute Gründe, zugegeben. Auch wenn es viele Liebhaber des kuscheligen Flughafens in Tegel gab, konnten die Gründe durchaus überzeugen.

Den Startschuss gaben der Regierende Bürgermeister von Berlin, Brandenburgs Ministerpräsident und der Bundesverkehrsminister im Jahr 2006. Tolle Pläne, schöne Bilder, überschwängliche Reden. Was dann folgte waren Pleiten, Pech und Pannen. Kostenexplosion, Zeitverzögerungen, technische Mängel, Rügen von Genehmigern und Brandschützern, mangelnde Bauaufsicht. Die Liste ist unendlich und wurde an anderen Stellen intensivst erforscht… Warum es gerade mitten in der Corona-Pandemie plötzlich so schnell voran ging, konnte mir noch keiner so wirklich erklären.

Was leider noch dazu kam: eine absolut unzureichende, ja unsicht- und unhörbare Kommunikation.

Zahlreiche Pressesprecher verschlissen (ich zähle fünf, vielleicht auch ein paar mehr, man verliert ja leicht den Überblick bei einem solchen Großprojekt), manchmal gar keine Information, gefolgt von leeren Versprechen, zahlreichen Zusagen für einen Eröffnungstermin – natürlich alle wieder zurückgezogen –, falschen Aussagen und verschwiegenen Tatsachen. Keine leichte Aufgabe für die Kommunikationsabteilung. Und wenn mal ein Pressesprecher dafür warb, sich offen zu den Versäumnissen beim Bau zu bekennen, wurde er geschasst.*

Warum wir uns damit beschäftigen? Es hätte es eine Glanzleistung für die Kommunikation werden können: innovativer und architektonisch gelobter Bau, komplexe technische erklärungsbedürftige Zusammenhänge, berühmte Akteure, internationale Relevanz, Themen, Themen, Themen. Ein Eldorado für jeden Storyteller. Ein Großprojekt wie dieses erfordert eine konsequente, durchdachte Kommunikationsstrategie, die alle Kommunikationsebenen miteinschließt. Genehmigungs- und Baukommunikation, Dialog mit Stakeholdern und Bürgern, Technik- und Architektur-PR, Online- und Live-Kommunikation. Klassische Projektkommunikation. Und natürlich auch die Kommunikation in kritischen Situationen.

Fehler passieren in solchen Großprojekten und Zeitverzögerungen gibt es auch immer. Dafür hat man einen guten Krisenkommunikationsplan in der Schublade. Ich würde behaupten, dass es diesen sicher auch gab. Nur: Er kann nicht funktionieren, wenn die faktische Projektplanung versagt. Der Aufsichtsrat war mit Politikern besetzt, denen das Fachwissen fehlte. Und ein externes Controlling gab es nicht.

Ich habe neulich etwas von umgekehrtem Darwinismus gelesen: Große Investitionsprojekte erzeugen eine Situation, in denen sich Beteiligte gegenseitig in Kosten unterbieten und im Nutzen überbieten wollen. Baukonzerne und Architekten untertreiben Kosten, um eine Ausschreibung zu gewinnen. Oder ein Politiker will sich ein Denkmal bauen und legitimiert das Projekt gegenüber der Öffentlichkeit durch das Herunterspielen der Kosten. „Survival of the unfittest“ nennt der dänische Wirtschaftsgeograf Bent Flyvbjerg das.**

Wenn ein so gravierendes Governance-Problem auftritt, ist Kommunikation leider meist abgeschrieben. Schade. Denn das Projekt hätte es hergegeben. Und bei vielen anderen Beispielen zeigt sich, dass auch schwierige Situationen durch eine gute Kommunikation gerettet oder zumindest besser erklärt werden können. Manchmal hilft nur die Flucht nach vorn. Dann aber bitte nicht mit noch mehr unglaubwürdigen Ausreden und haltlosen Versprechen von einem weiteren Politiker.

Eine gut aufgebaute, positive Basiskommunikation und offener kontinuierlicher Dialog schaffen Akzeptanz und Verständnis. Für die Notwendigkeit eines solchen Vorhaben, für Beeinträchtigungen, sogar für hohe Budgets. Sie ist Grundvoraussetzung dafür, dass Projekte in dieser Dimension überhaupt umgesetzt werden können. Dann hört auch jemand zu, wenn man in eine kritische Situation gerät. Kommunikation ist immer Teil des Projekterfolgs. Das wissen wir nicht erst seit Stuttgart 21.

In diesem Fall ist das Kind leider schon sehr früh in den Brunnen gefallen. Eine transparente, ehrliche, offene Kommunikation von Anfang an? Fehlanzeige. Faktische Projektfehler waren dann auch mit Kommunikation nicht mehr zu erklären. Der Fisch stinkt vom Kopf, sagt man. Oder wie heißt es in Berlin? Egal. Vielleicht beim nächsten Mal.

In diesem Sinne: Guten Flug.

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* https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/flughafen-berlin-brandenburg-ber-sprecher-gibt-zu-ehrliches-interview-und-fliegt-1.2943897

** https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/stuttgart-21-flughafen-ber-warum-grossprojekte-haeufig-zu-finanziellen-desastern-werden/23960406.html