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„Zivilcourage beginnt im Kleinen“

Interview mit Andreas Voelmle, Vorstand der Dominik-Brunner-Stiftung

Über Mut im Alltag und bewegende Erfahrungen im Ehrenamt.

Andreas Voelmle
Leiter Beratung und Gesellschafter
02. September 2026

Zur Person

Andreas Voelmle ist Gesellschafter und Leiter Beratung bei der Engel & Zimmermann GmbH sowie Vorstand der Dominik-Brunner-Stiftung. Der gelernte Tischler, Politologe und Historiker ist 61 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder.

Andreas, was bedeutet Zivilcourage für Dich?

Zivilcourage hat mich schon immer beschäftigt – und zwar nicht nur in Situationen, die eskaliert sind und Gewalt ausgeübt wird. Für mich beginnt Zivilcourage viel früher: im Kleinen, im persönlichen und beruflichen Umfeld. Ein Punkt ist dabei ganz wichtig: Zivilcourage taucht erst da auf, wo ein Risiko existiert, dadurch Nachteile hinnehmen zu müssen. Denn wer nichts zu verlieren hat, ist nicht mutig.

Kann man Zivilcourage lernen?

Dass manche Menschen Zivilcourage zeigen und andere nicht, finde ich nach wie vor eine sehr spannende Frage. Das liegt vielleicht an der Erziehung und man braucht ein gewisses Maß an Konfliktbereitschaft. Aber man kann unabhängig davon lernen, wie man sich am besten in Situationen verhält, wenn andere in Gefahr sind und man helfen möchte. So etwas wird in Simulationsspielen in Zivilcouragekursen geübt. Die werden heute fast überall angeboten. Da hat der Tod von Dominik Brunner 2009 einen Schub ausgelöst.

Wie hast Du den Tod von Dominik Brunner erlebt?

Ich habe am 13.9., einen Tag nach seinem Tod, in den TV-Nachrichten gesehen, dass ein Manager in Solln zu Tode gekommen ist. Da wurde noch kein Name genannt und ich dachte nur, wie schrecklich für die Angehörigen. Als ich am Montagmorgen ins Büro kam, lag die BILD auf meinem Schreibtisch mit dem Gesicht einer Person auf der Titelseite, die ich persönlich kannte. Denn Dominik Brunner war Vorstand meines langjährigen Kunden ERLUS. Da bekommt das schlagartig eine ganz andere und neue Dimension. Da hatte ein von mir geschätzter Mensch in seiner ihm typischen Art aufrichtig seine Werte vertreten, nicht weggeschaut, sondern sich für Schwächere eingesetzt und musste dafür sterben. Das hat mich wütend gemacht und gleichzeitig ohnmächtig. Dieses Gefühl hat auch dazu beigetragen, dass die Stiftung gegründet wurde. Die Gründer wollten, dass sein Tod nicht umsonst gewesen war.

Wie sieht Deine Arbeit für die Stiftung konkret aus?

Alle vier Vorstände bearbeiten im Mail-Umlaufverfahren alle Anfragen und Förderanträge. Die, die nicht unserer Satzung entsprechen, lehnen wir ab, satzungskonforme diskutieren wir 4x im Jahr in unserer Vorstandssitzung, in der auch alle laufenden Projekte Thema sind. Jeder Vorstand betreut rund eine Handvoll Projekte, die wir fördern oder selbst ins Leben gerufen haben und übernimmt v.a. in der Weihnachtszeit auch Termine für Spendenübergaben. Ich bin als Kommunikationsberater zudem für die Kommunikation der Projekte zuständig, die primär über unsere Website, unseren Facebook-Kanal, den Weihnachtsbrief und über unseren Newsletter läuft. Dazu kommt bei besonderen Gelegenheiten die Medienarbeit.

Was motiviert Dich an der ehrenamtlichen Arbeit besonders?

Zum einen ist es die Bedeutung, die das Thema für mich persönlich hat. Zum anderen sind es die Ergebnisse der Stiftungsarbeit. Als die Stiftung gegründet wurde, hat keiner von uns gedacht, dass wir einmal so große Projekte haben werden wie das Dominik-Brunner-Haus der Johanniter, die bayernweiten pack ma’s Schulungen oder Ehrungen in der Allianz-Arena durchführen. Das hat sich schrittweise so entwickelt.

Wenn wir zum Beispiel in der Allianz Arena vor 60.000 Zuschauern zivilcouragierte Menschen auszeichnen und diese nach teilweise sehr negativen Erfahrungen vor Rührung Tränen in den Augen haben, dann gibt mir das sehr viel Kraft. Oder wenn Jugendliche aus sehr schwierigen Verhältnissen das Dominik-Brunner-Haus verlassen und eine Ausbildung beginnen. Das sind die Momente, in denen ich denke: Genau dafür machst du das!

Auch die Stimmung im Team der Dominik-Brunner-Stiftung motiviert. Dort arbeiten ausschließlich Ehrenamtliche, die sich als Mannschaft mit einer hervorragenden Arbeitsteilung gefunden haben, sich persönlich mögen und schätzen und die Arbeit jedes Einzelnen würdigen. Ich glaube, so viel Wertschätzung bietet nur das Ehrenamt.

Woran merkst Du, ob und wie die Arbeit der Stiftung wirkt?

Die Dominik-Brunner-Stiftung finanziert seit 2012 die Kurse „pack ma’s“ für Lehrkräfte in ganz Bayern. Das dort Gelernte für eine bessere Klassengemeinschaft tragen die Lehrkräfte in ihre Klassen weiter. Eine Lehrerin schrieb uns, dass sie in der S-Bahn in eine Situation geraten sei, in der sie das Gelernte unmittelbar einsetzen und helfen konnte. Bei den Vorbildern für Zivilcourage auf unserer Website sehe ich, wie viele Menschen sich heute spontan zusammentun, um zu helfen. Das vermittelt mir das Gefühl, dass die jahrelange Aufklärungsarbeit in den Zivilcouragekursen etwas bewirkt hat. Empirisch belegen lässt sich das leider nicht, da ja nur die Fälle protokolliert werden, in denen die Polizei gerufen wird. Alle anderen, in denen Passanten deeskalierend eine Stresssituation aufgelöst haben, tauchen ja in den Statistiken gar nicht auf.

Wie gelingt es Dir, Beruf, Familie und Ehrenamt miteinander zu verbinden?

Engel & Zimmermann hat die Arbeit für die Dominik-Brunner-Stiftung von Anfang an unterstützt. Nach dem Tod von Dominik Brunner haben wir die zahlreichen Medienanfragen an den Kunden ERLUS beantwortet und hielten der Familie primär den Rücken frei. Da kamen zeitweise bis zu 50 Anfragen am Tag, so groß war das Medienecho damals.

Als die Stiftung gegründet wurde, haben wir gesagt: Wir unterstützen sie und übernehmen die Kommunikation ehrenamtlich. Das bedeutet konkret, dass ich und teilweise auch meine Kolleginnen und Kollegen, auch während der Arbeitszeit Termine für die Stiftung wahrnehmen und Projekte bearbeiten können. Natürlich gibt es auch Termine an Abenden und Wochenenden, aber nur mit einem solchen Modell kann ich die Arbeit für die Stiftung in dieser Form leisten.

Vielen Dank Andreas für das Gespräch.

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