Ersetzt künstliche Intelligenz den Präsentations-Trainer?

Wer wünscht sich das nicht: Die perfekte Präsentation. Einzelne Charts, bei denen jedes Bild passt, jede Botschaft sitzt. Eine Rednerin, die frei spricht, die Aufmerksamkeit fesselt und begeistert. Aber was passiert stattdessen jeden Tag in unzähligen Meetings? Powerpoint-Charts mit Zehnpunkt-Schrift und Textwüsten, die vorgelesen werden. Jeder von uns hat sicherlich sein persönliches Worst-Case-Erlebens mit dieser Microsoft-Software, die seit 1987 existiert und das am weitesten verbreitete Präsentationsprogramm ist. Schätzungen gehen davon aus, dass jeden Tag ca. 30 Millionen Präsentationen entstehen. Mein schlimmstes Erlebnis: Auf einer Informationsveranstaltung zum Thema Datenschutz war es der Vortragende irgendwann selbst leid, den Text von der Folie abzulesen und sagte: „Das könnt ihr euch ja jetzt selbst durchlesen.“ Es folgte minutenlanges Schweigen im Raum. Dann die Frage: „Kann ich weiterklicken?“

Ein Workshop mit einem kameragestützten Präsentations- und Auftrittstraining kann da Abhilfe schaffen. Man erkennt Stärken und Schwächen, lernt rhetorische Mittel kennen und bekommt Tipps, wie man mit seinem Auftritt begeistern kann – oder zumindest nicht langweilt und die Botschaft beim Publikum ankommt. Eines aber kann so ein Workshop nicht: Das weitere Training ersetzen. Denn mit dem Vortragen und Reden ist es wie mit jeder anderen Fähigkeit: Wenn man nicht übt, wird man nicht besser. Oder können Sie sich vorstellen, dass Ronaldo zu seinem Trainer sagt: „Elfmeterschießen brauche ich nicht üben, das kann ich schon.“ Weiteres Training ist das A und O, das Alpha und Omega, mehr als die halbe Miete, das Ticket zum Erfolg. Trotzdem wird noch viel zu wenig geübt. Anders ist die Menge an schlechten Präsentationen auf Meetings und Veranstaltungen nicht zu erklären.

Microsoft will da helfen. Der Software-Konzern hat vergangene Woche den „Presenter Coach for PowerPoint“ präsentiert. Das soll ein neues Werkzeug sein, welches uns – gestützt auf künstlicher Intelligenz – Feedback zu unserem Präsentieren vor dem Computer geben kann. Man muss den zur Präsentation gehörenden Vortrag in ein Mikrofon sprechen und live präsentieren, und schon sagt uns das Programm, ob die Vortragsgeschwindigkeit passt, ob man Füllwörter wie „Äh“ und politisch korrekte Sprache benutzt. Auch das Vorlesen von Charts wird erkannt und man wird verwarnt. Am Ende gibt es eine hübsche Grafik als Auswertung. Ohne sagen zu können, ob das funktioniert, hat es doch einen erheblichen Eindruck hinterlassen. Hier wird die künstliche Intelligenz in einem Bereich aktiv, von dem man bislang dachte, dass nur Menschen ihn adäquat ausfüllen können. Übernimmt Software in Zukunft die Arbeit von Trainer und Coach?

Auf dem zweiten Blick kann Entwarnung gegeben werden. Und zwar aus drei Gründen: Erstens ist die Analyse des Software-Coaches sehr rudimentär. Viele Erfolgsfaktoren für eine gelungene Präsentationen werden ausgeklammert. Zweitens ist es angesichts der berüchtigten Benutzerunfreundlichkeit von Microsoft-Produkten („Klicken Sie auf „START“ um das Programm zu beenden“) fraglich, wie intelligent die Software wirklich ist. Und schließlich führt ein digitaler Coach nicht automatisch dazu, dass mehr geübt wird. Sollte das allerdings so sein, so bin ich der erste, der diese Innovation begrüßt. Vielleicht gibt es ja dann auch bald eine Software, die überflüssige Meetings erkennt und automatisch aus dem Outlook-Kalender entfernt.