Tippen ist Zeit ist Geld – oder warum Abkürzungen in E-Mails eigentlich gar keine Zeit sparen

Wir alle wissen: Zeit ist Geld. Und die wenigsten von uns kennen wohl ein Zuviel von einem dieser beiden wertvollen Güter. Darum sparen wir beides gerne. Aber wenn wir uns eine gelungene Kommunikation wünschen, sollten wir uns hin und wieder fragen, ob wir nicht besser etwas mehr investieren sollten. Nehmen wir zum Beispiel die E-Mail: Sie hat die persönliche – zeitaufwendigere – Kommunikation in vielen Fällen ersetzt. Es geht einfach deutlich schneller, eine Mail zu verschicken, als einen Termin zu vereinbaren, zu einem Treffen zu fahren und ein Thema im persönlichen Austausch zu diskutieren. So weit, so verständlich.

Aber dann haben wir irgendwann damit begonnen, sogar beim Schreiben von E-Mails um jede Sekunde (oder jeden Cent?) zu ringen: Wir haben angefangen, selbst kürzeste Wörter durch Abkürzungen zu ersetzen, die mal mehr, mal weniger leicht zu entschlüsseln sind. Sie kennen das sicher auch: Die Sonne scheint, sie sind bester Stimmung und hochmotiviert, heute endlich mal ein paar Dinge von Ihrer To-do-Liste zu erledigen. Da antwortet ein Kollege auf eine Mail zu einem brisanten Thema mit folgender kryptischer Botschaft: „IMO können wir das asap erledigen. K?“* Und mit einem Mal wird Ihre eben noch so gute Laune von einer Wolke der Verständnislosigkeit getrübt.

Zugegeben, es gab eine Zeit, da passten in eine SMS gerade einmal 160 Zeichen. Und jede einzelne Nachricht kostete Geld. Zu dieser Zeit – an die sich wahrscheinlich schon jetzt nicht mehr alle Leser erinnern können – hat es vielleicht noch irgendwie Sinn ergeben, Leerzeichen zu entfernen, auf korrekten Satzbau zu verzichten und jede erdenkliche Abkürzung zu verwenden. Aber warum haben wir diesen Stil in unseren alltäglichen, oft auch geschäftlichen E-Mail-Verkehr übernommen? Für eine Mail gibt es kein Zeichenlimit. Wir haben allen Platz der Welt, um unsere Gedanken klar und verständlich mitzuteilen. Doch wir greifen auf Abkürzungen zurück, die beim Adressaten nicht mehr als ein Stirnrunzeln auslösen.

Die größte Gefahr, die Abkürzungen bergen, besteht wohl in dem Risiko, vom Empfänger der Nachricht missverstanden zu werden. Mussten Sie nicht auch schon einmal eine Abkürzung googeln? Eine weitere Schwierigkeit: Abkürzungen haben oft eine zweite (oder gar dritte) Bedeutung, sodass man sich manchmal im ersten Moment fragt: Was hat dieser Verband (z. B. BTW = Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft oder by the way) mit dem Thema zu tun? Und – oh nein! – hat sich der Kollege etwa mit Tuberkulose angesteckt (tbc = to be continued)?

Sicher, es gibt Abkürzungen, deren Bedeutung wohl keine Zweifel provozieren: Abkürzungen wie „MfG“, „asap“ oder „FAQ“ sind mittlerweile nicht nur im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen, sondern auch im Duden. Aber bei der Verwendung exotischer (oder nur intern gebräuchlicher) Akronyme, die noch dazu oft aus dem Englischen stammen, sollte man vielleicht doch abwägen, ob sich die zehn Sekunden, die man beim Tippen spart, lohnen, wenn der Adressat fünf Minuten braucht, um den Sinn zu verstehen – oder ihn vielleicht sogar falsch interpretiert. Wie ärgerlich wäre es, wenn wichtige Fristen verpasst werden, weil „EOB“ (= end of business day) mit „EOD“ (= end of day) verwechselt wurde (was im Übrigen auch ein Tippfehler sein könnte, der bei der Nennung einer konkreten Frist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht passiert wäre).

Wenn wir uns aus Rücksicht auf den Adressaten ein paar Minuten mehr Zeit zum Tippen unserer Mails nehmen, verhindern wir nicht nur solche unglücklichen Missverständnisse. Wir senden mit unseren ausformulierten Zeilen auch ein Zeichen der Wertschätzung an den Empfänger. Natürlich muss Kommunikation am Puls der Zeit sein. Sprache ist ein Instrument, das sich mit seinen Benutzern und ihrem Lebensumfeld verändert und sich immer wieder an neue Entwicklungen anpasst. Insofern ist dieser Text auch kein Plädoyer für veraltete sprachliche Umgangsformen. Vielmehr ist er ein Aufruf zu respektvoller Kommunikation gegenüber Kunden und Kollegen. Ja, Zeit ist Geld. Aber durch eine eindeutige, verständliche Kommunikation sparen wir am Ende vielleicht sogar mehr Zeit, als es die Abkürzungen in der Mail getan hätten. Denn der Empfänger muss nicht nachfragen, wie eine Botschaft gemeint war. So eine klare Kommunikation – auch auf dem kurzen Dienstweg – kommt am Ende allen Beteiligten zugute. Nehmen Sie sich die Zeit. Ihre Adressaten werden sich freuen.

 

* Für alle, die sich das googeln der Abkürzungen sparen wollen, hier die Übersetzung: „Meiner Meinung nach (IMO = in my opinion) können wir das so schnell wie möglich (asap = as soon as possible) erledigen. Einverstanden? (K = okay)“