Die Renaissance des Persönlichen … und die Grenzen der Online Kommunikation

Online Kommunikation ist in aller Munde. Keine Agentur, die nicht behauptet, sie könne die Klaviatur der digitalen Kommunikation rauf und runter spielen, bringe ihre Kunden damit auf die Erfolgsspur, preise damit Produkte auf weltweiter Flur an und optimiere so den Verkauf. Online-Kommunikation könne den Vertrieb ankurbeln, so heißt es, Mitarbeiter anwerben und überhaupt: damit geht quasi alles.

Onlinekommunikation ist günstiger als die analoge, braucht keinen realen Raum, keine An- und Abreise, keine schwierigen Streitgespräche mit inhaltlicher Auseinandersetzung, keinen Moderator. Kurz: sie ist kostenoptimiert. Kein Wunder also, dass auch Unternehmen verstärkt auf Online Kommunikation setzen. Sie ist leicht messbar – in Zeiten des Controllings und der Evaluierung ein nicht zu unterschätzender Faktor – und lässt sich gefühlt aus der Ferne im virtuellen Raum ohne große körperliche Anstrengung mit einem einzigen Daumenzucken umsetzen. Und da die Digitalisierung auch zum beliebten Schlag- und Modewort der Politik geworden ist, hängt sich jeder gerne das Mäntelchen der Modernität über.

Ich möchte als 50+ Bürger nicht in ein „früher war alles besser“-Lamentieren verfallen. Online Kommunikation ist gut und richtig und nicht mehr aus dem Kommunikationsmix wegzudenken. Wir alle haben das lernen müssen. Doch es gibt Situationen, in denen mir der leibhaftige Mensch gegenüber lieber ist als die endlose Anonymität des Digitalen. Wobei ich nicht einmal sicher weiß, ob mich dort nicht ein Bot zutextet. Insbesondere wenn es um Sympathie und Vertrauen geht, um Glaubwürdigkeit, Verständnis und Verlässlichkeit, gerät die Online-Kommunikation an ihre Grenzen. Nur bei der guten, alten, leibhaftigen Offlinekommunikation können Themen so kommuniziert werden, dass sie Menschen wirklich berühren. Dass echte Emotionalität online rüberkommen kann, ist Marketing-Wunschdenken. Oder aber der Begriff der Emotionalität ist auf ein trauriges Mindestmaß seines ursprünglichen Sinnes verkommen. Denn Emotionalität hat immer mit dem Zwischenmenschlichen oder zumindest mit einem Gefühl zu anderen Lebewesen zu tun. Emotional berühren kann uns Menschen nur ein anderer Mensch oder vielleicht noch ein Tier. Keine Marke und kein Produkt dieser Welt vermag das, zumindest nicht bei mir.

Bei allem digitalen Hype wird die analoge Kommunikation nicht aussterben. Denn bei ihr ist der Absender existent, ein echter Mensch mit Haut und Haaren, mit Gefühlen, Bedürfnissen und Absichten und kein anonymes Unternehmen, eine Institution oder eine Marke. Der Mensch, der analog als Mensch und nicht nur als Vertreter von irgendetwas kommuniziert, muss weitgehend hinter dem stehen, was er sagt, sonst wird er im realen Leben schnell entlarvt. Nur er ärgert sich, freut sich, zeigt Emotionen, ist authentisch. Das macht Glaubwürdigkeit aus. Er denkt daher deutlich mehr darüber nach, was er verbal so absondert, als in der endlosen Anonymität des Netzes. Das persönliche Gespräch – sei es unter vier Augen, als Dialog unter Vielen oder als geplantes Veranstaltungsformat, wird seine Bedeutung nicht verlieren, im Gegenteil: es erlebt eine Renaissance.