Wegweiser oder Nebelkerzen – was leisten Nachhaltigkeitslabels?

Unübersichtlich, missverständlich, inflationär: Die Klage über die Flut von Siegeln und Standards für Lebensmittel wird immer wieder laut, ebenso wie der Vorwurf, Richtlinien und Vorgaben seien zu lasch oder würden zu wenig kontrolliert. Auch im Nachhaltigkeitsumfeld haben sich inzwischen zahlreiche Labels etabliert. Neben Bio- und Regionalsiegeln gehören dazu etwa UTZ CERTIFIED, Fairtrade, RSPO, FSC und das Tierschutzlabel, die jeweils Teilbereiche der Lieferkette betreffen. Dazu kommen Management-Zertifizierungen wie EMAS oder der ZNU-Standard Nachhaltiger Wirtschaften. Und schließlich gibt es noch Reporting-Standards wie den Deutschen Nachhaltigkeitskodex oder GRI.

Richtig ist, dass die Mehrheit der Verbraucher wohl kaum weiß, was hinter den einzelnen Siegeln und Standards steht. Macht das jegliche Zertifizierung überflüssig? Keinesfalls. Denn Labels bieten denjenigen Verbrauchern, die sich für Nachhaltigkeit insgesamt oder einzelne Aspekte interessieren – derzeit stehen bei vielen beispielsweise Tierwohl oder Palmöl im Fokus – wertvolle Orientierung. Wer auf aufwändige Recherchen zu jedem einzelnen Produkt verzichten will, kann sich mit etwas Hintergrundwissen zu den für ihn relevanten Siegeln rasch zurechtfinden. Auch auf Unternehmensseite sind sie, wie kritikwürdig einzelne auch sein mögen, eine unverzichtbare Hilfe. Nachhaltigkeit ist längst kein kurzlebiger Trend mehr und viele Verantwortliche in deutschen Unternehmen setzen sich Ziele für Produktion wie Produkte, um diese sozial und ökologisch verantwortungsvoller zu gestalten. Dafür benötigen sie Richtlinien und Kriterien, um sich ob der Vielzahl von Rohstoffen und Herstellungsschritten nicht zu verzetteln. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist es unmöglich, jeden einzelnen Schritt in Lieferkette und Herstellungsprozess eigenständig zu prüfen und Nachhaltigkeitskriterien dafür zu definieren. Es fehlt an Fachwissen, um die Hot Spots jedes einzelnen Rohstoffes und jeder Produktionsstufe zu identifizieren, an Verhandlungsmacht, um Lieferanten auf eine nachhaltige Produktion der Rohwaren festzulegen, sowie an Ressourcen, um eine wirksame Kontrolle an allen Stellen der Lieferkette umzusetzen.

Hierin liegt der größte Mehrwert, den Siegel und Standards bieten: Sie schaffen eine gemeinsame Sprache. Denn sie setzen Kriterien, machen Nachhaltigkeit messbar und bündeln Kompetenzen für einzelne Rohstoffe, etwa Kakao oder Palmöl, oder ganze Themenfelder wie das Energiemanagement am Produktionsstandort. Sie bieten Lieferanten, Herstellern, NGOs und Verbrauchern Orientierung, indem sie den häufig verwässerten Begriff „Nachhaltigkeit“ thematisch klarer definieren. Raum für Verbesserung bleibt dabei immer, denn eines ist klar: Das ultimativ nachhaltige Produkt existiert bisher nicht.