Die kognitive Leichtigkeit des Seins

Die 67-jährige Maria Bäumer hatte schon lange das Gefühl, dass ihre Heimatstadt auf dem absteigenden Ast war. Erst zog der größte Arbeitgeber der Stadt, ein Maschinenbauunternehmen, in eine andere Region. Dann wurde das Freibad geschlossen. Und jetzt soll auch noch der Klinikstandort dichtgemacht werden. Ihr wurde es zu viel. Sie gründete eine Bürgerinitiative für den Erhalt der Klinik und demonstrierte fortan jeden Montag mit über 200 Gleichgesinnten vor dem Haupteingang des Krankenhauses.

Für den Landrat Frank Meyer auf der anderen Seite war die Schließung eines von zwei Standorten der Rettungsplan für die Klinik des Landkreises. Die Kassen waren leer und mit der Standortschließung war eine Investitionsförderung des Landes in Millionenhöhe verbunden. Nur so konnte die kommunale Trägerschaft erhalten werden. Diese Argumentation stieß jedoch bei den Demonstranten auf taube Ohren. Während Maria Bäumer den absichtlichen Niedergang ihres Ortes sah, erkannte der Landrat eine klare Logik zum Erhalt der Klinik.

Und jetzt die schlechte Nachricht: Wahrscheinlich werden sich diese konträren Meinungen auch nicht annähern. Dazu müssten beide die jeweils andere Seite verstehen und nachvollziehen können. Der Landrat fußt seine Entscheidung auf konkrete politische Umständen und Fakten. Maria Bäumer hingegen auf ihrer subjektiven Wahrnehmung. Und bei der zählen nur ihr derzeit verfügbares Wissen und die Dinge, die sie sieht. Der Psychologe Daniel Kahnemann hat dieses Phänomen in seinem Buch „Schnelles Denken – Langsames Denken“ auch „What you see is all there is (WYSIATI)“-Phänomen genannt („Nur was man gerade weiß, zählt“). Dabei gelangt unser Denken sehr leicht zu voreiligen Schlüssen, weil wir uns nur auf das sogenannte „System 1“ verlassen, welches schnell, automatisch, emotional, stereotypisierend und unbewusst arbeitet. Das „System 2“ hingegen ist langsam, anstrengend, logisch, berechnend und bewusst. Es kommt zum Einsatz, wenn wir schwierige Aufgaben lösen müssen. Insgesamt unterliegen wir dabei einer „kognitiven Leichtigkeit“, weil Schlussfolgerungen von „System 1“ nur selten von „System 2“ korrigiert werden.

Am Beispiel von Maria Bäumer führt diese kognitive Leichtigkeit dazu, dass sie die Informationen, die ihr vorliegen, zu einer kohärenten Geschichte verarbeitet. System 1 ist dabei völlig unempfindlich für die Qualität und Quantität der Informationen, aus denen der Eindruck hervorgeht, die Stadt sei insgesamt im Niedergang. Tatsächlich ist es sogar so: Je weniger man weiß, desto leichter ist es, diese Informationen in ein kohärentes Muster einzupassen. Entscheidend ist die Kohärenz der Geschichte, die es uns erlaubt, eine komplexe Welt mit partiellen Informationen sinnvoll interpretieren zu können.

Sollte Landrat Meyer also versuchen, Maria Bäumer mit mehr Sachinformationen und rationalen Argumenten von der Richtigkeit seiner Entscheidung zu überzeugen? Wahrscheinlich wäre sie für diese Argumente gar nicht empfänglich, weil sie in der „Meta-Erzählung“ vom Niedergang der Stadt keine Rolle spielen. Viel wichtiger ist es, die Meinung und die Sichtweise von Frau Bäumer zu verstehen, nachzuvollziehen und Verständnis zu zeigen. Dann würde schnell klar, dass es ihr auch um die medizinische Versorgung geht, aber vielleicht noch viel mehr um die Angst abgehängt und vergessen zu werden. Für die Kommunikation ist daher ein Perspektivwechsel hin zum Standpunkt der protestierenden Personen entscheidend. Denn erst wenn man erkennt, dass die eigentliche Geschichte „Stadt im Niedergang“ heißt und nicht „Krankenhausschließung verschlechtert medizinische Versorgung“, kann man auch entsprechend darauf reagieren.