Lesenswertes: Pranger 2.0 – Die öffentliche Demütigung in Zeiten sozialer Netzwerke

„So you’ve been publicly shamed“ – prägnanter als der deutsche Titel bringt die englische Originalfassung auf den Punkt, womit sich Jon Ronson in seinem Buch „In Shitgewittern – Wie wir uns das Leben zur Hölle machen“ beschäftigt. Der britische Journalist Ronson (einer breiten Öffentlichkeit insbesondere bekannt durch die hochkarätig besetzte Verfilmung seines Buches „Männer, die auf Ziegen starren“) beschreibt aktuelle Social-Media-Empörungswellen als Fortführung der öffentlichen Demütigungen, wie sie in Europa und den USA bis ins 19. Jahrhundert üblich waren. Jedoch sind die Mechanismen der sozialen Netzwerke heute laut Ronson ungleich mächtigere Werkzeuge als Pranger und Co.

Dies demonstriert er anhand mehrerer Fallbeispiele, in denen er aus verschiedenen Perspektiven berichtet. Ronson spricht mit Menschen, die Empörungswellen gegen andere auslösten, ebenso wie mit Betroffenen, die sich plötzlich im Zentrum von (manchmal globalen) Empörungs-Shitstorms wiederfanden. Eine der bekanntesten Interviewpartnerinnen ist Justine Sacco: Die PR-Managerin hatte unmittelbar vor einer Flugreise einen unbedachten Tweet abgesetzt, woraufhin Tausende von Menschen unter #HasJustineSaccoLandedYet darauf warteten, dass sie endlich wieder ihr Handy einschalten und feststellen würde, dass zwischenzeitlich ihr Ruf und ihre Karriere ruiniert waren.

Wie bei Ronson üblich beleuchtet er auch unerwartete Aspekte, die immer einen Erkenntnisgewinn zum Thema beitragen. So geht es in dem Buch unter anderem um Gustave Le Bons „Psychologie der Massen“ sowie das berühmte „Standford Prison Experiment“, die trotz ihrer fragwürdigen Entstehungsgeschichte bis heute häufig zur Erklärung von menschlichem Verhalten in der Gruppe herangezogen werden. Spannend liest sich auch der Ausflug in die Welt des Online-Reputationsmanagements, wo unliebsame Google-Treffer zwar nicht gelöscht, aber doch auf die hinteren Ränge der Suchmaschinen-Treffer verbannt werden können. Im Gespräch mit Ex-Formel1-Chef Max Mosley geht Jon Ronson außerdem der Frage nach, wie es gelingen kann, aus einem maximal peinlichen Skandal relativ unbeschadet herauszugehen: Funktioniert die öffentliche Demütigung möglicherweise nur dann, wenn der Betroffene sich für das Geschehene schämt? Und beim Treffen mit dem amerikanischen Richter Ted Poe, der Angeklagte gerne bestraft, indem er sie mit einem Schild mit der Auflistung ihren Vergehen in die Öffentlichkeit schickt, kommt er zu dem Schluss, dass Shitstorms weitaus schlimmer seien als diese Urteile. Denn Demütigungen in den sozialen Netzwerken seien anonym, brutal und es bestehe keine Aussicht auf Vergebung für die Betroffenen.

„In Shitgewittern“ ist ein vielschichtiges, genauso unterhaltsames wie bedrückendes Buch, das man lesen sollte, wenn man sich mit Reputation und Social Media beschäftigt. Denn am Ende führen die Empörungs-Mechanismen, die Ronson so treffend beschreibt, möglicherweise zu einer gravierenden Unsicherheit von Nutzern, egal ob privat oder im Unternehmensauftrag online aktiv. Wenn es am sichersten ist, unsichtbar zu sein – wie können wir uns noch öffentlich äußern? Wie viel Risiko für den Einzelnen oder ein Unternehmen liegt im Dialog und in der Transparenz, die so gerne gefordert wird? Ronsons Fazit dazu: „Das Tolle an den sozialen Medien war, dass es denen ohne Mitspracherecht eine Stimme gab. Lassen wir nicht zu, dass daraus eine Welt wird, in der man am besten überlebt, indem man wieder in Schweigen verfällt.“