„Ich habe Ihnen vergangene Woche eine Mail geschickt“: Ein Plädoyer für das Nachtelefonieren

Für die einen ist es ein unerlässliches Werkzeug für den Erfolg ihrer Pressearbeit, für die anderen ein absolutes No-Go: das Nachtelefonieren. Exemplarisch dafür zwei Aussagen aus dem nahen beruflichen Umfeld:

Kollege A: „Wir sprechen immer von der Gatekeeper-Funktion der Journalisten. Da sollten wir es ihnen auch zutrauen, sich und ihre Termine zu organisieren, sodass telefonisches Erinnern nicht nötig ist. Journalisten sind eigentlich fast immer genervt über solche Anrufe.“

Kollege B: „Meine Pressekonferenz war ein voller Erfolg, aber auch nur, weil ich am Vortag noch einmal nachtelefoniert habe. Vorher hatte ich zwei Zusagen, danach waren es sieben.“

Wie kann es sein, dass die Meinungen zum telefonischen Nachfassen bei Journalisten so weit auseinanderliegen? Tatsächlich sind wir uns hier im Haus einig, dass wir einer simplen Pressemitteilung grundsätzlich nicht hinterhertelefonieren. Dafür kennen wir die Arbeit einer Redaktion zu gut und wissen, wie viele Mails sie jeden Tag erreichen. Aber genau deswegen wissen wir auch, dass ein Brief oder eine Mail auch mal verschüttet geht. Anders ausgedrückt: Selbst der am besten gepflegte Verteiler schützt uns nicht davor, dass eine Einladung zum Pressegespräch den Adressaten nicht erreicht.

Deswegen bin ich der Meinung, dass es legitim sein sollte, Journalisten bei wichtigen Themen noch einmal anzurufen. Ich finde aber auch, dass solche vermeintlich unliebsamen Aufgaben nicht zwangsläufig an Praktikanten delegiert werden sollten. Denn wenn sich der Journalist schon die Zeit nimmt, sollte er auch auf einen Gesprächspartner treffen, der sein Anliegen kompetent und glaubwürdig präsentiert und vor allem auch Nachfragen zum Unternehmen oder zur Branche beantworten kann.

Ein Kollege berichtete mir einmal von einem Telefonat mit einer führenden deutschen Wirtschaftszeitung. Der Redakteur antwortete auf die Frage, ob er denn zur Pressekonferenz kommen werde: „Wissen Sie was? Auch wenn ich jetzt schon weiß, dass ich nicht komme, sage ich hiermit zu! Denn dann lassen Sie mich wenigstens in Ruhe. Wenn ich nämlich sage, ich weiß es noch nicht, rufen Sie morgen wieder bei mir an und darauf habe ich keine Lust.“

Die Reaktion des Redakteurs zeigt, wie beliebt das Nachtelefonieren bei Redakteuren ist. In einer jüngst veröffentlichten Umfrage zur Frage, was Journalisten am meisten nervt, landete das Nachtelefonieren mit 19% auf Platz acht. Umso angenehmer finde ich da die Aussage eines Journalisten im aktuellen „pressesprecher“, der beim Thema Nachtelefonieren zugibt, dass dieses Hilfsmittel auch auf der anderen Seite des Schreibtisches kein Tabu ist: „Ich selbst tue das ja auch dauernd, zum Beispiel, wenn ich einem interessanten Interviewpartner hinterherrenne. Ich selbst sehe darin eine ausgleichende Gerechtigkeit: Keiner tut es wirklich gern, aber jeder muss halt mal nachhaken.“ Darauf kann ich mich gerne einigen.