Beitragsbild-Blog

Deutsche Wortfindungsstörungen

Fallstricke politisch sensibler Sprache

Ein Plädoyer für weniger Empörung und mehr Sachlichkeit

In einem der letzten Blog-Beiträge bezeichnete meine (hochgeschätzte!) Kollegin Britta Fey den Begriff „Flüchtlings-Krise“ als unpassend und rief dazu auf, die Formulierung  zum Unwort des Jahres zu erklären. Klar ist, dass dem Wort „Krise“ auch immer ein gewisser Schrecken innewohnt und es sicher hilfreich wäre, wenn viele Bürger mit weniger Schrecken auf die Entwicklungen blicken würden. Ein Aufruf zur sogenannten „verbalen Abrüstung“ also und ein gutes Beispiel dafür, wie sprachsensibel wir geworden sind. Der öffentliche Diskurs – insbesondere der Politische – ist geprägt von eben diesem überaus sensiblen Umgang mit der deutschen Sprache. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich hieraus ein unausgesprochener Verhaltenskodex entwickelt. Dieser Kodex ist heute für viele Diskursteilnehmer sakrosankt und oft wichtiger als der Diskurs selbst. Das führt gerade in Hochzeiten des politischen Lagerkampfs, wie ihn derzeit die Flüchtlingsfrage befeuert, dazu, dass jeder Tritt in ein sprachliches Fettnäpfchen umgehend in einer Diskursverweigerung der Gegenpartei endet. Und das ist ein Problem, denn die öffentliche Empörung über ungünstige Wortschöpfungen wie „Flüchtlings-Lawine“ oder „Abschiebeknast“ lenkt uns dabei viel zu sehr von der eigentlichen Debatte ab. Anstatt in diesen (Achtung!) Krisenzeiten über die (zugegeben) sehr komplexen Herausforderungen zu debattieren um gesellschaftlich tragfähige Lösungen zu finden, machen wir es uns oft einfach und halten uns mit Begrifflichkeiten auf, anstelle sich sachlich mit den Inhalten auseinander zu setzten. Besonders schön verdeutlicht dieses das nachfolgende Beispiel:

Kürzlich fiel in einer beliebten deutschen Talkshow die Bemerkung, Roberto Blanko sei stets ein „wunderbarer Neger“ gewesen. Vor dem geistigen Auge sah man in diesem Moment, wie die politischen Strategen in der CSU Parteizentrale frustriert den Kopf in ihren Händen vergruben. Ihr Flaggschiff, der bayerischen Innenminister Joachim Herrmann hatte tatsächlich „Neger“ gesagt! Für die Strategen bedeutete das, dass sich keine der sorgfältig vorbereiteten Botschaften verfangen würde, vielmehr würde man sich den Rest der Woche gegen Rassismus-Vorwürfe wehren müssen. Genau so kam es auch.

Eigentlich war der Auftritt des bayerischen Innenministers der Versuch einer öffentlichen Handreichung an die politischen Partner der CDU und SPD. Herrmann, der als Innenminister durchaus konsequent gegen den Rechtsextremismus vorgeht, war angetreten um klarzustellen, dass sich die CSU uneingeschränkt zum Recht auf Asyl für Schutzbedürftige bekennt, dass man dialogbereit sei und das man helfen wolle. Zu diesem Zeitpunkt war die Regierungskoalition auf Grund des von der CSU verursachten Richtungsstreits schwer angeschlagen. Nun sollte Herrmann zeigen, dass die CSU wieder bereit war sachlich und lösungsorientiert mitzuregieren. Ein wichtiger Schritt zur Verhinderung einer ernsthaften Regierungskrise – welche in dieser Situation wirklich niemandem irgendetwas genutzt hätte. Die ersten Minuten der Sendung verliefen gut, Herrmann konnte seine Positionen platzieren und fand entsprechenden Zuspruch. Es hätte ein erfolgreicher, ein wertvoller Abend werden können, wäre ihm nicht irgendwann das besagte Unwort über die Lippen gegangen.

Dabei war es egal, in welchem Kontext Herrmann das rassistische Wort gebrauchte. In jenem Moment indem er es aussprach, war auch schon „N-Gate“ geboren. Es dauerte nur Minuten, bis der Hashtag #herrmann auf den oberen Plätzen der Twitter Trends stand. Mit hunderten Beiträgen machte die selbsternannte deutsche Intelligenzija ihrer ungeheuerlichen Empörung Luft. Ob der Verwendung des Begriffs identifizierte man Herrmann umgehend entweder als üblen Rassisten oder gleich als Nazi und forderte einhellig den sofortigen Rücktritt des Ministers. In den folgenden Tagen witzelten die Kommentarspalten der etablierten Medien über das „provinzielle Auftreten“ und stellten übereinstimmend fest, dass „in zivilisierten Kreisen dieses Landes“ Einigkeit darüber herrsche, dass das „N-Wort“ eine Beleidigung für Menschen dunkler Hautfarbe ist und deshalb nicht verwendet werden darf – was natürlich andeuten sollte, dass Herrmann eben nicht zu diesem „zivilisierten Kreis“ gehöre.

Doch wie kam es eigentlich zu Herrmanns fataler Äußerung? Die meisten Kommentatoren ließen zumeist völlig außer Acht, in welchem Kontext der bayerische Innenminister das Wort des Anstoßes gebrauchte. In einem Einspielfilm erklärte ein Mann, er finde, „die Neger passen nicht zu uns.“ Im Bezug darauf antwortete Herrmann, „Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger, der den meisten Deutschen wunderbar gefallen hat“. Abgesehen davon, dass man den Begriff als solchen eindeutig rassistisch nennen muss, wollte Herrmann mit dessen Verwendung einen Bezug zur vorangegangenen Äußerung herstellen. Das mag sprachlich nicht besonders elegant oder eben politisch korrekt gewesen sein, die eigentliche Absicht, nämlich den mitschwingenden Rassismus der vorherigen Aussage zu entkräften, war allerdings deutlich zu erkennen. Das Problem war nur, das wollte keiner der Empörten hören.

Übrigens: In der gleichen Sendung bezeichnete der Moderator Ranga Yogeshwar die Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge als Konzentrationslager. Hier blieb ein vergleichbarer Aufschrei aus. Yogeshwar selbst entschuldigte sich später für diesen mehr als unangebrachten Vergleich.

 

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Foto: flickr / amarillyon