Beitragsbild-Blog

Von Bildern, einem Mechaniker und der nötigen Gelassenheit

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte…“ Ja, na klar – neu ist anders, alles schon mal gehört. So ähnlich dachte ich auch, als ich in einer der letzten Ausgaben von DIE ZEIT die Überschrift sah: „Was machen diese Bilder mit uns?“ Und dann habe ich doch angefangen zu lesen: das Interview mit dem Psychoanalytiker Matthias Wellershoff, der in seinem beruflichen Alltag erfährt, wie die Flüchtlingskrise auf die menschliche Seele wirkt. Nicht (nur) auf die der Flüchtlinge, sondern der Menschen hier in Deutschland, aus allen Schichten und mit vielfältigen beruflichen, sozialen und familiären Hintergründen. Ein interessantes Gespräch, das mich zum Nachdenken gebracht hat.

Nicht alles, was Wellershoff sagt, kann ich genau so nachvollziehen – etwa, wenn er sagt: „Die Geflüchteten konfrontieren uns nicht nur mit unserer privilegierten Lebenssituation, sondern auch mit unserer eigenen Unfähigkeit, ein vorgefertigtes Leben mit mutigen Entscheidungen zu unserem eigenen Leben zu machen.“ Die Flüchtlinge erinnerten uns daran, dass wir selbst oft am liebsten aus dem Alltag fliehen möchten. In diesem Sinne seien wir auch in gewisser Weise „Wirtschaftsflüchtlinge“. Das dann aber doch auf hohem Niveau, würde ich meinen – im Vergleich zu den Menschen, die sich auf den Weg machen, um aus (wirtschaftlicher) Not zu fliehen.

Interessant fand ich hingegen das Beispiel des Kfz-Mechanikers, der Wellershoff erzählte: „Er habe von seinem Vater gelernt, man könne ruhig dumm sein, man müsse sich nur zu helfen wissen.“ Dieser Mann habe gewiss keine Angst vor Flüchtlingen, meint der Psychoanalytiker. „Wer von seinem Vater lernt, man müsse sich nur zu helfen wissen, hat gute soziale Aufstiegschancen.“ Wie man mit Unsicherheiten und Angst umgeht, hat also nicht unbedingt etwas damit zu tun, welche Schul- und Berufsausbildung man genossen hat. Wellershoff sieht die Flüchtlingszuwanderung als Herausforderung, an der die Gesellschaft reifen müsse. So oder so stellt sie unser Gemeinwesen und irgendwie auch jeden einzelnen – selbst wenn man nur mittelbar „betroffen“ ist – vor die Aufgabe, mit der Situation und ihren Bildern umzugehen.

Was das mit PR zu tun hat? Mit Krisenkommunikation durchaus eine ganze Menge, möchte ich meinen – zum Beispiel eine Situation zu erleben, die es so noch nicht gegeben hat. Wellershoff meint dazu: „Die ehrliche Diagnose lautet: (…) Aber Krisen sind dafür da, dass man herausfindet, was realistischerweise möglich ist.“ Seinem Plädoyer, (neue) Wege zu finden, die uns gelassen mit Situationen umgehen lassen, die die eigene Integrität erfordern, möchte ich mich anschließen. Es kann hilfreich sein, von angestammten Wegen zu „flüchten“ – sowohl im Kleinen als auch im Großen.

 

Quelle: DIE ZEIT, Ausgabe No 13 vom 17. März 2016