Der Spiegel kennt die Formel der gesunden Ernährung – neu ist sie nicht

Zu einem gelungenen Wochenende trägt für mich auch immer eine gemütliche Auszeit auf der Couch mit der aktuellen Ausgabe des SPIEGELS bei. Diesen Samstag war die Lektüre des Mediums allerdings weder Quell der Freude noch intellektueller Anregung, sondern Grund für großen Unmut meinerseits. Die Titelgeschichte versprach Erhellendes zum Thema „So schmeckt die Zukunft“. Die Zusammenfassung liest sich folgendermaßen: „Das moderne Essen macht krank. Mit ultraverarbeiteten Lebensmitteln verführt uns die Industrie, mehr zu verzehren, als uns guttut. Doch Abnehmen ist möglich. Forscher kennen das Rezept, wie man sich einfach und gut ernähren kann.“

 

Mit dieser Eröffnung war dem Artikel die Aufmerksamkeit der PR-Schaffenden mit Schwerpunkt Food (zumal kurz vor Eröffnung der Bikini-Saison) natürlich sicher. Leider erhielt der Leser des Artikels vieles, nur nicht das, was er erhoffte – nämlich neue Erkenntnisse. Auf zehn Seiten breitet Autor Jörg Blech (der übrigens gerade ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht hat) in alter Manier alle Vorurteile gegen industriell gefertigte Lebensmittel aus – die bereits bekannten Vergleiche mit der Tabakindustrie inklusive. Süchte würden bewusst geschürt, Verbraucher verführt, Studien verfälscht (obwohl Blech selbst anmerkt, dass Studien im Bereich Ernährung generell schwierig sind, da die Probanden gerne mal vergessen, was sie alles gegessen haben). Die dicken, mit Kartoffel-Chips gefütterten Ratten kamen natürlich auch zum Zuge.

Und was ist nun mit der versprochenen Formel, die Abnehmen möglich macht? Das Geheimnis lautet: Es ist völlig egal, welcher Diät man folgt – wichtig ist nur, dass weniger Kalorien aufgenommen als verbraucht werden. Und einfacher geht das mit Nahrungsmitteln, die wenig raffinierten Zucker enthalten. Ah ja.

Über Jörg Blechs Titelgeschichte habe ich mich aus zwei Gründen geärgert: Zum einen wird wieder einmal die Lebensmittelindustrie als alleiniger Bösewicht ausgemacht bei der Frage, warum immer mehr Menschen zu dick sind. Die Verantwortung des Einzelnen wird dabei komplett übergangen. Zum anderen hätte ich mir gewünscht, wenn sich ein Medium wie der SPIEGEL diesem Thema widmet, es der Diskussion auch neue, relevante Aspekte hinzufügt – wie auch immer die aussehen mögen.

Ich schätze kontroverse Diskussionen und zugespitzte Meinungen – ich schätze sie wirklich. Nie ist man mehr gezwungen, den eigenen Standpunkt zu überdenken und die Perspektive zu wechseln als im kontroversen Austausch. Aber kann es sein, dass in Zeiten von Flüchtlingskatastrophen, Klimawandel und Trump eines DER deutschen Leitmedien im Titelthema nicht mehr Substantielles zu bieten hat als Thesen, die im Ansatz bereits 1997 in dem Buch „Die Suppe lügt“ von Hans-Ulrich Grimm aufgestellt wurden und dem Prinzip „FdH“?