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Veni, vidi, vici – der Dreier der Rhetorik

In Zeiten des digitalen und medialen Overkills wird es immer schwieriger, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die Versprechungen der digitalen Revolution haben sich nicht erfüllt. Ja, wir haben jetzt zwar alle einen eigenen Kanal, um unsere Botschaften unter das Volk zu bringen. Allein – es hört keiner mehr zu. Da muss man schon besondere Köder auslegen, um die medial überforderte Zielgruppe zum Klicken zu bewegen. Das moderne Click-Baiting greift dabei hauptsächlich auf sehr klassische Erzählformen zurück, die Spannung aufbauen und Neugierde wecken sollen: Der Cliffhanger („Ihr werdet nicht glauben, was sie darauf antwortete…!“) und das Foreshadowing („Nummer fünf ist besonders interessant!“). Diese bewährten Stilmittel funktionieren auch in der digitalen Welt.

Ein weniger dramatisches rhetorisches Instrument, um die Aufmerksamkeit des Lesers zu stimulieren, ist die sogenannte Dreierregel (The Rule of Three). Damit wird eine im griechischen auch „Trikolon“ genannt Gruppierung dreier Wörter, Ausdrücke oder Sätze zu einer Einheit bezeichnet. Die wohl bekannteste Dreierfigur ist der Ausspruch Caesers, nachdem er in nur vier Stunden die Truppen Pharnakes II. von Pountus geschlagen hatte: „Veni, vidi, vici.“ Elegant formuliert der Kaiser Roms die Leichtigkeit seines Sieges mit drei in der Dramatik aufsteigenden Wörtern, die auch noch den selben Anfangs- und Endbuchstaben haben. Der Profi spricht hier auch von einer alliterierenden Klimax dreier asyndetischer Zweisilber mit einem Homoioteleuton.

Die Dreierregel findet sich sowohl in Erzählungen (Die drei Musketieren, Goldlöckchen und die drei Bären, The Three Stooges) als auch als Stilmittel in großen Reden wieder. Nehmen wir ein Beispiel von Martin Luther King, der mit der selben Formulierung am Satzbeginn eine dramatische Aufzählung von drei Elementen konstruiert:

„Dies ist nicht die Zeit, sich den Luxus der Abkühlung zu gestatten oder das Beruhigungsmittel der Allmählichkeit einzunehmen. Es ist jetzt die Zeit, die Versprechen der Demokratie zu verwirklichen. Es ist jetzt die Zeit, sich aus dem dunkel und trostlosen Tal der Rassentrennung zum sonnenbestrahlten Pfad der Rassengerechtigkeit zu erheben. Es ist jetzt die Zeit, unsere Nation vom Treibsand der rassistischen Ungerechtigkeit zum festen Felsen der Gemeinschaft aller Menschen zu erhöhen.“

Und auch US-Präsident Obama, der sich rhetorisch stark an die Reden von Martin Luther King und auch John F. Kennedy anlehnte, nutze in seiner Rede zur Amtseinführung gleich mehrfach die Dreierregel:

“I stand here today humbled by the task before us, grateful for the trust you have bestowed, mindful of the sacrifices born by our ancestors.” – “Homes have been lost, jobs shed, businesses shuttered.” – “Our health care is too costly, our schools fail too many, and each day brings further evidence that the ways we use energy strengthen our adversaries and threaten our planet.”

Wenn Sie also in Ihrer nächsten Rede, der nächsten Präsentation oder der nächsten Pressemitteilung die Aufmerksamkeit des Lesers haben wollen, überfordern sie ihn nicht mit zu vielen Fakten. Maximal drei Zahlen, maximal die drei wichtigsten Argumente, maximal drei inhaltliche Einheiten pro Absatz. Die Schwierigkeit einer guten Story genau wie einer guten Pressemitteilung ist nicht Vollständigkeit. Es ist die Auswahl der wichtigsten Punkte. Oder um es mit Goethe zu sagen: „Entschuldige die Länge des Briefes, ich hatte keine Zeit, mich kurz zu fassen.“