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Ich esse, also bin ich – von der neuen Bedeutung der „Ethik des Schinkenbrotes“

Nachhaltig soll es sein, am liebsten auch noch regional, am besten ebenfalls saisonal. Unsere Ansprüche an unsere Nahrungsmittel steigen stetig – fast so, als würde unser Essen einen Funktionswandel erleben. Ist das wirklich so oder ist die vielfach ausgerufene Ernährungswende nur eine Modeerscheinung?

Erhellende, kurzweilige und konfrontative Beiträge zu dieser Frage hat der Zukunftsdialog der ZEIT und der agrarzeitung geliefert: Zum zweiten Mal diskutierten in der Berliner Kalkscheune Persönlichkeiten aus Politik, Industrie und NGOs mit Spitzenvertretern der Agrarbranche.

„Wir müssen unterscheiden, was einfach nur trendy und was wirklich notwendig ist“, betonte Bundesagrarminister Christian Schmidt gleich zu Beginn des Zukunftsdialogs und erklärte, dass die Landwirtschaft auf neue gesellschaftliche Entwicklungen reagieren müsse, ohne dabei die Wettbewerbsfähigkeit im globalen Kontext aus dem Blick zu verlieren. Von politischer Seite aus sei das Nudging – also das Schaffen ökonomischer Anreize, um beispielsweise Ernährungsentscheidungen positiv zu beeinflussen – ein probates Mittel: Das „sanfte Stupsen“  könne Verhaltensweisen der Verbraucher in die richtige Richtung lenken.

Ob nun durch Nudging oder gesetzliche Regelungen: Wie unvereinbar in ihrer Haltung sich Vertreter der Agrarbranche und ihre Kritiker häufig gegenüberstehen, offenbarte das Streitgespräch zwischen dem Schweinehalter und Dozenten des Landesbetriebes Landwirtschaft Hessen, Dr. Jörg Bauer, und der Tierethikern, Dr. Friederike Schmitz, über die Moral des Schinkenbrotes und welche Rechte Tiere haben. Auf die Frage nach Insekten als Nahrungsmittel sprach sich die Tierethikerin im Zweifel für die Heuschrecke aus. Dem gegenüber standen Bauers Erläuterungen über die Bedenken und Sorgen der Landwirte: Die größte Angst der Landwirte sei heute nicht mehr die eigene Arbeitsunfähigkeit, sondern die öffentliche Bloßstellung.

 

Näher kamen sich im Laufe des Gespräches über das Verhältnis von Landwirtschaft und Medien der Leiter der ZEIT-Redaktion Investigativ, Stephan Lebert, und der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes, Werner Schwarz: Beide Seiten versuchten, ihrem Gegenüber die Prämissen ihrer Arbeit zu erklären – der Journalist, dem bei der Suche nach der Wahrheit zuweilen die Komplexität des Themas abhanden kommt und der Verbandsvertreter, dem zuweilen der objektivierende Blick von außen fehlt. Umso erfrischender der Umstand, dass in dieser Diskussion nicht die Frage nach Henne oder Ei gestellt wurde und wer jetzt eigentlich Schuld ist, dass die Medien und die Agrarbranche sich vermeintlich unvereinbar gegenüberstehen. Bemerkenswert schließlich das Ergebnis dieses Gespräches: Stephan Lebert wird Werner Schwarz gänzlich uninvestigativ im Stall besuchen und Werner Schwarz darf Stephan Lebert in den Redaktionsräumen der ZEIT über die Schulter schauen – ein Perspektivwechsel und damit vielleicht der beste Ansatz, um die Wahrheit auf dem Platz zu finden.

In diese Richtung zielte auch das Résumé der Veranstaltung von Andreas Sentker, Ressortleiter Wissen der ZEIT: Im letzten Jahr seien noch Welten aufeinander geprallt, in diesem Jahr gab es gleich mehrere Angebote zum Dialog: http://www.zeit-verlagsgruppe.de/presse/2015/05/christian-schmidt-betont-bedeutung-eines-staerkeren-dialogs-zwischen-gesellschaft-sowie-agrar-und-ernaehrungswirtschaft/